Die Zukunft der Arbeit
Mar 31st, 2008 | By admin | Category: Essay, ZukunftAutor: Florian Römmele flo.ro@web.de
Thema: “Think global – work local. Szenarien für die Zukunft der Arbeit”
Entgrenzung von Arbeit – vom Recht auf Arbeit zum Recht auf Nicht-Arbeit
Im biblischen Mythos von Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel, kommt die Arbeit als Fluch über die Menschheit: „Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen“. Diese Auffassung der Arbeit als Mühsal und Plage war auch in der Antike vorherrschend, für den vollwertigen Bürger war nicht das Recht auf Arbeit sondern das Recht auf Nicht-Arbeit Ausdruck seiner Würde. Erst in der aufkommenden kapitalistischen Gesellschaft wurde das calvinistische Arbeitsethos konstituierendes Element. Die Diskussion um die „Zukunft der Arbeit“ beschreibt die neuesten Entwicklungen der Arbeitsgesellschaft und macht dabei eine erstaunliche Entdeckung. Während gesellschaftlichen Entwicklungen normalerweise in Form von immer stärkeren Differenzierungsprozessen ablaufen, scheint sich die Arbeit immer stärker zu entgrenzen.
Die klare Trennung zwischen Arbeit und Leben ist in Auflösung begriffen, sowohl Arbeitszeiten als auch Arbeitsformen scheinen immer heterogener und flexibler zu werden. Entgrenzung bedeutet, dass sich unter bestimmten historischen Bedingungen entstandene Strukturen und regulierende Begrenzungen (z.B. das Arbeitsrecht oder die klassische 5 Tage-Woche) dabei sind sich aufzulösen. In anderen Zusammenhängen wird auch von Informalisierung gesprochen.
Um von Entgrenzung sprechen zu können, muss Arbeit vorher klare Grenzen besessen haben. Diese klassischen Arbeitsformen werden meist als „Normalarbeitsverhältnis“ bezeichnet. Interessanterweise hat überhaupt erst die Krise der traditionellen Arbeitsformen zur Wahrnehmung dieses Normalzustandes geführt. Die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und „Freizeit“ sind hier klar definiert und als wichtige Elemente lassen sich formelle Regeln des Arbeitsverhältnisses (d.h. im Gültigkeitsbereich der arbeits- und sozialgesetzlichen Regeln), eine genau eingegrenzte Wochenarbeitszeit in Vollzeit ohne Befristung(d.h. Wochenarbeitszeit von 35h oder mehr) und ein Einkommen, das die Reproduktion der gesamten Familie garantiert. Dieses Normalarbeitsverhältnis charakterisiert das vorherrschende Modell der Beschäftigung in der Bundesrepublik Deutschland und ist nun in Auflösung begriffen. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich, dass dieses Modell der Normalarbeit eher ein gesellschaftliches Leitbild als eine empirische Realität ist.
Erstens hat diese „Normalarbeit“ in globalem Maßstab niemals auch nur ansatzweise den Status eines Normalzustandes besessen. Informelle Beschäftigung überwiegt vor allem in den Ländern des Südens. Zweitens ist selbst in den industrialisierten Ländern dieser Zustand nur für einen bestimmten Teil der Bevölkerung zutreffend. Frauen waren und sind noch immer weitgehend von dieser Form der Arbeitsorganisation ausgeschlossen, darüber hinaus gab es immer auch Personen in prekären Arbeitsverhältnissen wie Tagelöhner, Saisonarbeiter und andere. Die Normalarbeit lässt sich also als eine herrschende Fiktion betrachten, an der sich Arbeitsverhältnisse, daran anschließend Familien- und Gemeinschaftsnormen und letztendlich auch die Institutionen des Sozialstaats orientieren. Was sich nun beobachten lässt ist also nicht unbedingt die Erosion einer Realität, die so niemals Bestand hatte, sondern eher der Auflösungsprozess eines Leitbildes, dass die ganze Gesellschaft betrifft. Mit der Zukunft der Arbeit sind unumgänglich auch die Zukunft der Familie und die Zukunft des Sozialstaates verknüpft.
Dieser Prozess der Entgrenzung von Arbeit ist auf den ersten Blick zu begrüßen. Nicht zu unrecht sind traditionelle Arbeitsformen einer harschen Kritik ausgesetzt. Vor allem aus dem Blickwinkel einer nachhaltigen Entwicklung zehrt die herkömmliche Arbeitsstruktur an den endlichen Ressourcen dieser Erde und ist verbunden mit einer hohen Arbeitsdichte und wenig Selbstbestimmung für die abhängig Beschäftigten. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit wird auch deutlich, dass Wirtschaftwachstum einerseits mit der beständigen Fortentwicklung der Produktivität nicht mithalten kann und andererseits aus grundlegenderen Überlegungen zu nachhaltigem Wirtschaften nicht als Lösung für die Probleme der Industriegesellschaft angesehen werden kann. Darüber hinaus werden andere Arbeitsformen, die nicht marktförmig organisiert sind ungenügend anerkannt, obwohl sie aus dem gesellschaftlichen Leben nicht wegzudenken sind. Dazu gehört zuallererst die nie anerkannte Hausarbeit der Frauen, aber auch ehrenamtliche Arbeit im Politik- und Vereinsbereich ohne die kein „Staat zu machen“ ist. Unter Arbeit wird also immer Erwerbsarbeit verstanden, andere Formen der Arbeit scheinen es nicht einmal wert zu sein mit diesem Begriff benannt zu werden, das zeigen auch Wortkonstruktionen wie „Elternurlaub“ oder „Ehrenamt“.
Wie ist es nun zu verstehen, dass allenthalben mit einem ängstlichen Unterton von der „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“ gesprochen wird? Scheinbar wird doch ein unerwünschter Zustand durch eine neue Form der Arbeit abgelöst. Und ist es angebracht von einer Erosion zu sprechen? Die Entgrenzung von Arbeit lässt sich zuerst am sinkenden Anteil von Normalarbeit am Erwerbsvolumen fest machen. Zwischen 1991 und 2000 stieg in Deutschland die Anzahl der Erwerbstätigen außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses von 9,6 Mio. auf 12,7 Mio. Damit ist die Normalarbeit zwar immer noch die bestimmende Beschäftigungsform1, scheint aber starkem Veränderungsdruck zu unterliegen. Dieser Veränderungsdruck wird einerseits angeheizt durch die paradoxe Entwicklung, dass ein sinkendes Erwerbsvolumen durch immens steigende Produktivität in allen Bereichen mit einer steigenden Anzahl von aktiven Erwerbspersonen durch das Ansteigen der Frauenerwerbstätigkeit gekoppelt ist. Dies führt zu anderen Wünschen hinsichtlich der Arbeitszeit (Stichwort: Vereinbarkeit von Arbeit und Familie) und darüber hinaus zu immer größeren Einstiegshürden in die Erwerbsarbeit, die vor allem in europäischen Ländern in einer steigenden Massenarbeitslosigkeit gipfeln. Auf der anderen Seite hat die Globalisierung mit der Verdichtung von Raum und Zeit zu einer neuen Form der Unternehmensorganisation geführt, die oftmals unabhängig von den klassischen Zeitabläufen in einer Volkswirtschaft agiert. An diese neue Organisation müssen sich dann auch die Beschäftigten anpassen, die gleichzeitig die Möglichkeit haben mit den verbesserten Kommunikationsmitteln Arbeitsschritte an ihre eigenen Zeitabläufe anzupassen. Dieser Prozess wird weiter verstärkt durch die Bedeutungszunahme internationaler Dienstleistungen, die mit dem Verschwinden der Ort- und Zeitgebundenheit von Arbeit einhergeht. Durch diese Entwicklungen gerät die Normalarbeit in immer stärkeren Wettbewerb zu informellen Arbeitsformen aus Ländern, in denen Arbeit keinen oder nur sehr schwachen Regeln unterliegen. Diese Entwicklung lässt sich gut an der aktuellen Debatte zum Herkunftslandsprinzip bei Dienstleistungen in der Europäischen Union nachzeichnen. Dabei geraten die stark formalisierten Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland in Konkurrenz zu Beschäftigten aus dem informellen Sektor, einen Wettbewerb den sie vor allem hinsichtlich der Arbeitskosten, aber auch wegen der in Deutschland geregelten Arbeitszeit sowie gesundheitlichen und sozialen Absicherungen nicht gewinnen können. Dies ist letztendlich auch die Begründung für die Forderung nach stärker deregulierten Arbeitsmärkten, die dieses Ungleichgewicht zumindest entschärfen könnten.
Doch welche Auswirkungen diese Informalisierung oder Entgrenzung von Arbeit haben kann, lässt sich heutzutage noch schwer abschätzen. Von Befürworten werden meist die niedrigen Eintrittsschranken zu Arbeit genannt. So wirken informalisierte Arbeitsmärkte als „shock-absorber“, freigesetzte Arbeitskräfte werden aufgefangen und vor einem Abgleiten in die Arbeitslosigkeit bewahrt. In dieser neuen Arbeitswelt ist weder eine hohe Produktivität des einzelnen Arbeiters noch des gesamten Betriebs notwendig, so dass vor allem unqualifizierte Arbeitskräfte leichter Zutritt finden. In dieser Lesart wird informelle Arbeit zum Ausdruck der Anpassungsfähigkeit komplexer Gesellschaften an neue Herausforderungen. Flexible Arbeitszeiten können darüber hinaus zu einer freieren Arbeitsgestaltung führen, die sich nicht mehr am täglichen 9to5-Job orientieren, sondern sich an den Bedürfnissen der Beschäftigten und am vorhandenen Arbeitsvolumen orientieren. Dadurch könnten die Zwängevon Erwerbsarbeit gemindert und viele damit verbundene Probleme (work-life-balance, Benachteiligung von Frauen, etc.) entschärft werden. Arbeiten frei von Regeln und Zwängen kann auch Produktivitätsgewinne mit sich bringen, da diese flexible Arbeit die Verantwortung des einzelnen stärkt und selbstorganisiertes Arbeiten ermöglicht. So kann das Ideal des „Arbeitskraftunternehmers“ (Gottschall) Realität werden, eine unumgängliche Entwicklung, wenn das Leitbild des hierarchiearmen, netzwerkförmigen Unternehmenstypus mehr als ein Lippenbekenntnis sein soll.
Dieses positive Bild der „Zukunft der Arbeit“ entspricht für eine Minderheit von Menschen durchaus schon der Wirklichkeit. Für diese sogenannten Wissensarbeiter, zu denen Manager, Berater und Wissenschaftler gehören sind Entgrenzungsprozesse meist ein Zugewinn an Freiheit, da sie in der Lage sind eigene Normen aufzustellen und meist auch die Verhandlungsposition besitzen diese durchzusetzen. Wissensarbeiter haben ein eher funktionales Verhältnis zu den geltenden Bestimmungen und Regulierungen, Normen befinden sich in einem dauerhaften Aushandlungsprozess und werden flexibel angewendet.
Hierbei sollte aber nicht vergessen werden, dass institutionelle Regeln zur Begrenzung von Arbeit immer eine Schutzfunktion besaßen und besitzen, um jene große Masse an Beschäftigten vor Überausbeutung zu bewahren, die eine solch starke Verhandlungsposition nicht besitzen. Die zunehmende Trennung von Arbeit und Freizeit, ja die Existenz von Freizeit überhaupt ist erst durch eine erkämpfte Normierung und Verregelung von Arbeit entstanden. Für die große Mehrheit der abhängig Beschäftigten ist daher ein substantielles Verhältnis zu institutionellen Regeln konstitutiv. Diese sind darauf angewiesen, dass Regeln einerseits aufgestellt, andererseits aber auch durchgesetzt werden, wobei sie meist auf die Unterstützung des Staates oder kollektiver Organisationen (Gewerkschaften, Betriebsrat, etc.) angewiesen sind.
So sind auch die bisherigen Erfahrungen abhängig Beschäftigter mit flexiblen Beschäftigungsverhältnissen und informeller Arbeit eher ambivalent zu bewerten. Der geringe Grad an Sicherheit führt zu einer starken psychischen Verunsicherung, die aus der zunehmenden Verwundbarkeit der Arbeitnehmer resultiert. Die „Kultur des Zufalls“ (Manuel Castells) macht langfristige Lebens- oder gar Familienplanung zu einem komplexen Managementprozess, vor dem oftmals kapituliert wird – zu Lasten der demographischen Entwicklung. Diese „Kultur des Zufalls“ schlägt sich in der mangelnden Institutionalisierung von Rechten, dem geringen Grad von Transparenz und der Vormachtstellung von netzwerkförmigen Strukturen nieder, die über Erfolg und Misserfolg in der Arbeitswelt entscheiden. Erfolgreiche Karriere-Netzwerke im Internet wie „asmallworld.net“ sind nur Symbol einer tiefgreifenden Informalisierung der heutigen Arbeitswelt. Die oftmals als neue Heilsbringer gefeierten Netzwerke sind für Außenstehende aber meist nur eine neue Hürde in den Arbeitsmarkt – und zeigen so die originärste Eigenschaft von Netzwerken auf: demokratisch und offen nach innen, hierarchisch und geschlossen nach außen. Die bereits angesprochene niedrige Produktivität von informellen Arbeitsverhältnissen wird oftmals durch Überausbeutung kompensiert. Um die Auswirkungen von ungenügender Regulierung nachzuvollziehen genügt ein Blick in Entwicklungsländer, in denen informelle Arbeit den mit Abstand größten Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfung erbringt. Die dortigen Arbeitsbedingungen geben einen Ausblick auf einen Zustand mit fehlender Durchsetzung von Arbeitsnormen und Rechten der Arbeitnehmer. So werden zwar flexibilisierte Arbeitsverhältnisse ihrer Rolle als „shock-absorber“ der Globalisierung gerecht, die sozialen Kosten werden dann aber gleichsam auf die Beschäftigten dieses informellen Sektors externalisiert. Es bleibt schwierig zu sagen, ob ein deregulierter und informalisierter Arbeitsmarkt eine Grauzone zur Übergang in die Formalität darstellt oder vielmehr der Schattenbereich des Übergangs in die Illegalität ist. Auf den Straßen von Berlin ist die ungeheure Anzahl von Scheibenputzern an jeder längeren Ampelphase Ausdruck des Abgleitens vieler Menschen in eine Grauzone, in der die Chancen auf eine Formalisierung sehr gering zu bewerten sind.
Als eine Auswirkung von Globalisierung auf Arbeit lässt sich ein Zerfall von Regeln beobachten, der einerseits einen Raum von Möglichkeiten schafft, andererseits aber auch die Gefahr beinhaltet, negative Auswirkungen auf die schwachen Glieder der menschlichen Gesellschaft zu haben. Wohin die Reise geht ist nicht entschieden und letztendlich Resultat von gesamtgesellschaftlichen Aushandlungsprozessen. Bisher scheinen aber die Anstrengungen ins Leere zu laufen, Arbeit im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung voranzutreiben. Welche Szenarien sind nun denkbar für die Zukunft der Arbeit?
In einem ersten Szenario wird die Arbeitswelt in den nächsten 15 Jahren in gleicher Geschwindigkeit dereguliert wie das derzeit der Fall ist. Damit verbunden sind zwangsläufig eine fortschreitende Individualisierung der Arbeitsbeziehungen und eine größere Spannbreite an Vertragsbeziehungen. Eine Entwicklung die sich schon in letzter Zeit bemerkbar machen ist die Ausweitung von Handelsverträgen, die eine bestimmte Arbeitsleistung zum Inhalt haben. Dieses Phänomen lässt sich vor allem in der „New Economy“ (Freelancer) und traditionellerweise, aber heutzutage verstärkt im Medienbereich (freie Mitarbeiter) beobachten. Diese Entwicklung hat 2020 dann auch Industrie und Handwerk erreicht und ist zum vorherrschenden Beschäftigungsverhältnis geworden. Unter diesen entgrenzten und subjektivierten Bedingungen muss (und kann) Arbeit stärker aktiv angeeignet und selbst formiert werden. Wie schon erwähnt führt dies bei spezialisierten Wissensarbeitern zu einer freieren Lebensgestaltung, die nicht mehr durch starre Arbeitsregelungen und gesellschaftliche Normen begrenzt ist. Bei der Mehrzahl der abhängig Beschäftigten ist aber eine dauernde Reibung zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und der Suche nach Freiräumen maßgebend, die in maßloser Vereinnahmung der Freizeit durch die Arbeit oder in einem unberechenbaren Hin- und Her zwischen Freizeit und Arbeit enden. Dies umso mehr, als das Freiräume nun erst individuell durchgesetzt und organisiert werden müssen. Die Kompetenz und Durchsetzungskraft zur aktiven Formierung entscheidet hier über den Erfolg oder Misserfolg im Leben.
Im zweiten Szenario werden traditionelle Arbeitsstrukturen fortgeschrieben. Durch Prozesse der Reregulierung auf der Ebene von Nationalstaaten werden hohe Hürden für die Konkurrenz informeller Arbeitsformen aufgebaut. Bestehende Probleme der alten Arbeitswelt werden reproduziert, gleichzeitig führt die stärkere Vernetzung durch die Informations- und Kommunikationstechnologien zu einer abnehmenden Raumgebundenheit von Arbeit. Die immens gewachsene Beweglichkeit von Kapital führt zu Wanderbewegungen der Unternehmen in Länder mit schwachen Regelsystemen. 2020 ist in Deutschland die Arbeitslosigkeit auf einem offiziellen Niveau von 30% angelangt und steigt stetig. Die sozialen Sicherheitssysteme sind schon seit Jahren nicht mehr funktionsfähig und sollen von privaten Initiativen und ehrenamtlichem Engagement ersetzt werden. Durch die starke Dominanz von Erwerbsarbeit werden andere Formen von Arbeit weiterhin als minderwertig angesehen, d.h. der Weg in andere Arbeitsformen bleibt für die freigesetzten Arbeitskräfte versperrt. Nur der informelle Sektor innerhalb des Landes blüht, Schätzungen zufolge sind in Berlin mittlerweile deutlich mehr Straßenhändler und Scheibenputzer aktiv als Beschäftigte des öffentlichen Diensts und Industriearbeiter zusammen.
Im dritten Szenario wurde nach lang anhaltendem gesellschaftlichem Druck ein Systembruch in der Arbeitswelt herbeigeführt. Durch die Einführung eines existenzsichernden Bürgergelds wird den Menschen die Möglichkeit gegeben sich eine Arbeit zu erfinden, die Ihnen gesellschaftlich nützlich erscheint. Dem vorangegangen waren der Kollaps der sozialen Sicherungssysteme und große Löcher in der Versorgung großer Bevölkerungsteile. Der zunehmende Bedarf an diesen Versorgungsarbeiten und die steigende Erwerbsquote von Frauen führen zur Durchsetzung der Gestaltungsprinzipien von Gemeinschaftsarbeit innerhalb der Gesellschaft. Aus der Erfahrung von 10Jahren in hochflexiblen Arbeitsverhältnissen und der daraus entstehenden Unsicherheit folgt die Blickerweiterung auf gesamtgesellschaftliche notwendige Arbeit. Das Resultat ist bei den meisten Menschen eine Mischarbeit, die sich aus normaler Erwerbsarbeit, Gemeinschaftsarbeit und Versorgungsarbeit zusammensetzt. Dadurch ist der Zeitanteil der für Erwerbsarbeit genutzt wird insgesamt stark gesunken, so dass klassische Arbeitslosigkeit kaum noch existiert. Der Rückzug des Staates aus vielen Bereichen der Versorgung wodurch das Bürgergeld finanziert wird, ist durch den Anstieg von Gemeinschafts- und Versorgungsarbeit mehr als kompensiert. Die letzten Jahre des Nullwachstums in der Privatwirtschaft haben zu keinen großen Verwerfungen geführt, da Erwerbsarbeit nicht mehr zentrale Sinngebung und Existenzsicherung bedeutet. Das bedeutet nicht, dass der Typ des Workaholics ausgestorben ist, aber zumindest wird niemand mehr dazu gezwungen.
Eine nachhaltige Entwicklung von Arbeit sollte sich also nicht auf einen Abbau von Regeln beschränken, die nicht ohne Grund eingeführt wurden. Gleichzeitig ist ein Aufrechterhalten des bisherigen Systems genauso wenig wünschenswert, da dieses unter den globalisierten Bedingungen schlechte Überlebensbedingungen hat. Es ist ein mutiger Schritt erforderlich, der den Anforderungen einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft gerecht wird. Dabei muss einerseits die Teilhabe an der schrumpfenden Erwerbsarbeit gesichert werden, aber auch die Teilhabe an Bildung und Weiterbildung, die Möglichkeiten für freiwilliges Engagement und ein selbstbestimmtes Leben. Die Möglichkeiten zur Freistellung von Arbeit, eine größere Zeitsouveränität für Beschäftigte könnte die Lösung für viele Probleme der zukünftigen Arbeitswelt darstellen. So paradox es klingt: das Recht auf Nicht-Arbeit ist die einzige Möglichkeit, das generelle Recht auf Arbeit wirklich werden zu lassen.
